Häh? Stand da nicht mal ein Baum?

Diese und andere Fragen stellt man sich im Havelländischen immer öfter beim Blick aus dem Fenster

 

* Alle Namen wurden zum Schutz der Betroffenen vorenthalten. Alle Namen sind der Redaktion bekannt.

HVL/Falkensee (elka) Vielerorts verschwinden mehr und mehr Bäume. Das fällt nicht nur Eichhörnchen, Käfern und diversen Vögeln auf. Auch Bürger wundern sich, warum ausgerechnet in der Vegetationszeit die Kettensägen kreisen und sich in die schönsten Bäume fressen. Dem Ostboten liegen exklusiv im Internet frei zugängliche Dokumente vor, die belegen, dass es sich die Verwaltungen in Punkto Baumpflege meist doch sehr einfach machen. Anders, als es von den Gartenbesitzern der Städte und Gemeinden verlangt wird.

In Falkensee wurde, wie jedes Jahr, pünktlich zu Beginn der Vegetationszeit, mit den Baumpflegearbeiten begonnen. Die Stadt nahm sich dabei vor allem Bäume vor, die von Misteln „befallen“ waren. Das rief u.a. einen Bürger aus der Seegefelder Straße auf den Plan, der im Rahmen der Einwohnerfragestunde  einer Sitzung der Stadtverordnetenversammlung dem Bürgermeister  Fragen nach dem Warum stellte: „Es handelt sich doch um geschützte Alleen, die da geköpft wurden.“ Der Bürgermeister hatte keine spontane Antwort parat und versprach dem Bürger* eine Antwort per Mail. Diese Antwort liegt dem Ostboten vor:

 

„Für die Stadt Falkensee und den Fachbereich Grünflächen/ Gewässer/ Friedhöfe stehen neben der Verkehrssicherungspflicht ebenfalls die Themen Artenschutz, Erhalt der Funktionsfähigkeit des Naturhaushaltes und deren Entwicklung im Vordergrund.

 

Es kommt vor, dass diese Ziele und Aufgaben nicht miteinander in Einklang gebracht werden können. Der kommunale Baumbestand wird in der Regel einmal im Jahr einer Kontrolle mittels der VTA-Methode (Visual-Tree-Assessment-Methode/ Visuelle Baumkontrolle) unterzogen. Der Zeitpunkt der Kontrollen variiert. Es wird angestrebt, den Baumbestand im Wechsel im belaubten und unbelaubten Zustand zu kontrollieren, um ein bestmögliches Bild der Gesamtsituation zu bekommen. Im Rahmen der Regelkontrolle werden Spechtlöcher und anders entstandene Höhlungen, soweit diese erkennbar sind, im elektronischen Baumkataster vermerkt. Teilweise entstehen diese Höhlen im Stamm und in Starkästen durch Ausmorschungen und Fäulnisprozesse. Diese können nicht zwangsläufig durch Höhlenbrüter genutzt werden, da sie zu feucht sind.

 

Die von der Stadt Falkensee beauftragten Fachfirmen arbeiten nach der ZTV Baumpflege (Zusätzliche Technische Vertragsbedingungen und Richtlinien für Baumpflege), welche auch als Hinweis Bestandteil der Vertragsunterlagen sind. Unter Kapitel 3, 3.1.2 Artenschutz ist der Umgang mit artenschutzrechtlichen Belangen festgelegt. Zusätzlich gibt Anhang B 1 der ZTV Baumpflege Hinweise über den Artenschutz. Weiterhin werden die Firmen vom Fachbereich regelmäßig an den Artenschutz und die damit verbundenen Handlungsvorschriften belehrt. Im Rahmen der Kronenpflege, auch bei Kroneneinkürzungen in Verbindung mit einer Neuformierung der Krone, wurde der Fachbereich in der Vergangenheit mehrfach von den Fachfirmen über eine Unterbrechung der Schnittmaßnahmen informiert und der Schnitt der jeweiligen Bäume auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.

 

Der Mistelbefall an den Straßenbäumen hat in der Vergangenheit stark zugenommen und ist zu einem ernsthaften Problem für die Vitalität und damit für die Funktion der Bäume sowie die Verkehrssicherheit geworden. Im Hinblick auf die Verkehrssicherungspflicht ist anzumerken, dass Mistelsträucher ein enormes Gewicht erreichen und die Linden ein weiches Holz besitzen. Diese Kombination führt dazu, dass es immer wieder zu Astausbrüchen kommt, bei denen Schäden entstehen.  In der Seegefelder Straße betraf dies vor allem den Abschnitt von der Akazienstraße bis zur Eschenstraße und abgeschwächt weiter zur Ahornstraße. Die Linden, bei denen die Misteln bereits den Stamm befallen hatten und deren Vitalität sehr eingeschränkt war, wurden zur Fällung festgelegt, da sie perspektivisch nicht mehr zu erhalten waren. Einige der Fällungen erfolgten unabhängig vom Mistelbefall aufgrund anderer Schädigungen oder Absterbeerscheinungen. Bei den weiteren sehr stark befallenen Bäumen, bei denen sich der Halbschmarotzer massiv im Starkastbereich ausgebreitet hatte, wurde ein Kronensonderschnitt beauftragt. Dies sind die acht Linden, welche aktuell als Torso stehen. Es wird davon ausgegangen, dass diese Bäume ausreichend vital sind, um durch einen Wiederaustrieb die ökologische Funktion teilweise wiederherzustellen und eine Sekundärkrone auszubilden. Bei weiteren Bäumen konnten die Misteln aufgrund der Lage der Halbschmarotzer weniger radikal entfernt werden. Diese Linden werden voraussichtlich bereits im nächsten Jahr wieder ein geschlossenes Kronendach aufweisen, wie es im Falkenkorso nach den Schnittmaßnahmen des letzten Jahres gut zu beobachten ist.

 

In der Vergangenheit wurden einige der Bäume eher vorsichtig beschnitten, was zu keinem Erfolgt führte. Durch die Vorliebe verschiedener Vogelarten für die Beeren der Mistel und das relativ weiche Holz der Linde, verbreitet sich der Halbschmarotzer relativ schnell. Um das Wiederaustreiben der Misteln weitgehend zu verhindern, muss der Schnitt etwa 40-60 cm unterhalb des Mistelbusches erfolgen.

 

Die Stadt Falkensee, FB Grünflächen beachtet für die Pflegeschnitte die optimalen Schnittzeitpunkte der verschiedenen Baumarten. Auch in der Vergangenheit wurden die Schnittmaßnahmen der Kronen innerhalb der Vegetationsperiode durchgeführt, da die meisten Baumarten die Schnitte dann besser abschotten und verschließen können und eine bessere Regenerationskraft als im Winter besitzen. Generell sollte immer bei frostfreiem Wetter geschnitten werden, um zusätzliche Frostschäden in den Astungswunden zu vermeiden. Die Linde ist ein sehr regenerationsfreudiger Baum der theoretisch ganzjährig geschnitten werden kann. Der optimale Zeitpunkt zum Pflegeschnitt an Lindenbäumen ist das Frühjahr kurz vor der Blüte. Der Schnitt ist bis in den Herbst möglich, jedoch sollte nicht nach dem Monat September geschnitten werden, da die Linden dann keine Triebe für das Folgejahr ausbilden. (Baudezernat, 8.6.2021)“

So, so, Verkehrssicherungspflicht. Nach Informationen des Ostboten wird dieses Argument gerne vorgeschoben, reicht aber nicht als Begründung für eine Aktivierung des Grünflächenamtes, wenn wirklich mal ein dicker Ast die Fußgänger bedroht. Ein Falkenseer Bürger* beispielsweise, dem ein armdicker abgestorbener städtischer Ast von der Karl-Liebknecht-Straße aus über der Haustür hing, musste mehrere Monate auf die „Verkehrssicherung“ der Stadt warten.

Und der Rest der Antwort? Hört sich gut an, Grammatik passt überwiegend und Rechtschreibung ist sicher. Inhaltlich aber? Ja, fragen wir einen, der sich damit auskennt. Ein Professor für Umweltplanung der Leibniz Universität Hannover* hat für den Ostboten die Antwort der Stadt auf Blatt und Borke geprüft. Seine Befund:

 

Viele Worte für wenig Information bzw. sehr pauschale Aussagen. Insbesondere die pauschalen Aussagen zum Vorgehen bei den Entscheidungen darüber, ob so ein Beschnitt überhaupt notwendig ist, zu welcher Zeit und in welcher Form er zu erfolgen hat, legen nahe, dass sich die zuständigen Verwaltungseinheiten vollkommen aus ihrer Entscheidungs- und Aufsichtspflicht zurückgezogen haben und die Entscheidung weitgehend den "Fachfirmen" überlassen. Dies ist unzulässig.

 

Die Ausführungen zu den artenschutzrechtlichen Belangen zeigen die Unkenntnis der Verfassenden des Schreibens, da die feuchten Höhlen mit Ausmorschungen und Fäulnisprozessen zwar keine Brutstätten für Vögel sein mögen, aber doch einer Vielzahl von teilweise sehr seltenen Höhlenbrütern z. B. unter den Insekten, Lebensraum bieten. Unklar bleibt, aus welchen Gründen die das Schreiben verfassenden Personen darauf verweisen, dass die Firmen die Maßnahmen teilweise abgebrochen und auf einen späteren Zeitpunkt verlegt haben. Warum wird hier keine Begründung für die Mitteilung gegeben und warum gibt es keine Begründung für die Abbrüche bzw. die Verlegung der Maßnahmen?

 

Die extrem pauschalen Ausführungen zu der angeblichen Schädigung der Bäume durch Misteln müssen in jedem Einzelfall von unabhängigen Fachleuten und nicht von den am Beschnitt verdienenden Firmen festgestellt werden. Die Ausführungen in dem Schreiben legen nahe, dass dies in Personalunion durch die den Beschnitt ausführenden Firmen erfolgt. Gleichzeitig legen die das Schreiben verfassenden Personen nahe, dass die Befreiung von den Regelungen des § 39 des Bundesnaturschutzgesetzes (Verbotszeiten für den Eingriff in Gehölz- und Baumbestände) lediglich auf Grund der pauschalen und nicht korrekten Annahme geschieht, dass sich Bäume von einem Beschnitt während der Vegetationsperiode besser erholen als vom Beschnitt außerhalb der Vegetationsperiode. Diese Behauptung ist so pauschal sicherlich nicht richtig und berechtigt keine pauschalen Ausnahmen von den Regelungen des Bundesnaturschutzgesetzes. Hier ist in jedem Einzelfall abzuwägen.

 

Wer der Auffassung ist, dass Linden als sog. Weichholz als Wirt für die Mistel empfänglich sind und gleichzeitig die Mistel als für den Baum gefährlich einstuft, der macht einen Fehler, wenn er Linden pflanzt. Gleichzeitig kann den befürchteten Schäden an den Bäumen und den Verkehrsgefährdungen durch die Auswirkungen des „Mistelbefalls“ sehr gut durch einen Beschnitt im Winter, ohne Gefährdung des Wiederaustriebs der Linden, entgegengewirkt werden.“

Eine vernichtende Bewertung! Baumpflege nach Gutsherrenart in der Gartenstadt und Bäder Stadt Falkensee. Ein Zustand, der in Stadt und Landkreis nicht nur auf Gegenliebe stößt. Sowohl der Umweltausschuss des Kreistags hat sich bereits mit dem Thema befasst als auch die SVV der Noch-Gartenstadt sowie die Staatsanwaltschaft. Bisher ist aber jede Kritik an Bürgermeister Heiko „Die Kettensäge“ Müller abgeprallt.

Auch anderenorts nimmt man es nicht so genau mit diesem Bundesnaturschutzgesetz. Baumpflege findet immer öfter in der Vegetationszeit statt, wie Anfragen der Fraktion Die LINKE / Die PARTEI in diversen Städten des Kreises zeigen. Vorgeschoben wird gern die Verkehrssicherungspflicht. Schaut man genauer hin, dann ist es so, dass sich keine Firmen finden, die rechtzeitig die Arbeiten an den Bäumen durchführen wollen oder können.

Liegt es am Geld? Oder liegt den Grünflächenämtern nichts an den Grünflächen? Man kann es auch so sehen: Je weniger Grünflächen, desto weniger Arbeit. In Falkensee wurde vom Bürgermeister gegenüber der SVV behauptet, er hätte nicht genug Geld für die Baumpflege.

Ja, Herr Professor, und jetzt?

 

„Die Verwaltung sollte aufgefordert werden, den regelmäßigen Verstößen gegen die Regelungen des § 39 des Bundesnaturschutzgesetzes entgegenzuwirken und die Schnittmaßnahmen an Gehölzen überwiegend außerhalb der Vegetationsperiode, also in dem vom Bundesnaturschutzgesetz vorgesehenen Zeitraum, durchzuführen. Gleichzeitig muss sie bei den Abwägungen zu den artenschutzrechtlichen Belangen nicht nur die Vögel berücksichtigen, sondern auch die Tatsache, dass feuchte Höhlen mit Ausmorschungen und Fäulniserscheinungen wertvolle Lebensräume für seltene und gefährdete Tierarten (u. v. a. Eremit) sind, die es möglichst zu erhalten gilt.“

Eine Anfrage der Falkenseer Fraktion „IRGENDWAS! – die Jugendliste feat. PPPTSBH“ aus dem Monat Juli an „Die Kettensäge“, zu der Frage, warum in Falkensee ausgerechnet im Frühling und Sommer sogenannte Baumpflege betrieben wird, blieb  mehreren Monaten unbeantwortet. Ein Fall für die Kommunalaufsicht, wie es aus (ehemaligen) Fraktionskreisen heißt.

Noch ein Beispiel „vorbildlicher“ Baumpflege: In der Falkenseer Rathenaustraße wurden ebenfalls in der Vegetationszeit Bäume beschnitten, diesmal Silberpappeln. Der angesprochene Mitarbeiter des Pflegedienstes sagte auf Nachfrage: „Die Äste müssen weg, wegen der Verkehrssicherheit!“ Augenscheinlich ging es den Ästen jedoch sehr gut. Armdick und voll gesund. Das Grünflächenamt sagte auf telefonische Nachfrage, die Baumpfleger kämen nicht nach und deshalb müsse in der Vegetationszeit geschnitten werden. Wiederum eine andere Antwort gab der hinzugerufene Chef des Falkenseer Ordnungsamtes: „Das war ein Lichtschnitt für den Baum darunter.“ Wie man es braucht. Der Lichtschnitt jedenfalls hat mehr Äste und Blätter gekostet, als der zu belichtende Baum darunter selbst trägt. Auch ist der beschnittene Baum nun nur noch an einer Seite beastet, was ihm sicher nicht gefällt. Sehr fachmännisch!

Für einige Städte und Gemeinden im Havelland ist es also okay, wenn Sie sich nicht an ihre eigenen Baumsatzungen halten: Pflegemaßnahmen in der Vegetationszeit sind grundsätzlich verboten. Für ihre Verstöße gegen die eigenen Baumsatzungen werden zu gerne organisatorische Gründe vorgeschoben.

Aber auch außerhalb der Siedlungsgebiete geht es den Bäumen an den Kragen. Von den in den letzten Jahren gefällten Alleebäumen an den Kreisstraßen des Havellands wurden weit weniger nachgepflanzt als gefällt, wie eine Anfrage der Kreistagsfraktion BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN an den Landrat ergab. Ein möglicher Gesetzesverstoß der die Verwaltung des Landkreises bisher recht kalt ließ. Was aus den Mitteln für die nicht erfolgten Nachpflanzungen wurde, ist fraglich. Und in Falkensee? Wird dort das Geld für das defizitäres Hallenbad benötigt?.

Wie sollte man sich nun verhalten, wenn dem Baum vor der Haustür mit der Kettensäge gedroht wird? 1. Bilder machen und dokumentieren, in welchem Zustand der Baum ist, dem es an die Blätter geht. 2. Bei der Unteren Naturschutzbehörde anrufen und den Vorgang melden. 3. Das Grünflächenamt um eine Stellungnahme bitten. 4. Sollte man keine oder nur eine dünne Auskunft von der Stadt erhalten oder das Passwort „Verkehrssicherung“ genannt werden, so kann man sich an einen Abgeordneten der SVV wenden. Dieser hat gegenüber der Verwaltung ein Auskunftsrecht. Gegebenenfalls kann eine Umweltschutzorganisation eingeschaltet werden, denn auch diese haben mehr Rechte gegenüber der Verwaltung als so ein dahergelaufener einfacher Bürger. 5. Wenn nachweisbar ist, dass die Verwaltung Mist gemacht und die Gesetze geschliffen wurden, dann sollte die Kommunalaufsicht eingeschaltet werden. Diese schaut sich die Sache an und kann dann den Bürgermeister rügen, was dieser nicht mag. 6. Zu guter Letzt bleibt eine Anzeige bei der Polizei. Die aber nur dann, wenn man stichhaltige Beweise hat, dass die Behörde danebengegriffen hat, und gewährleistet ist, dass ein Verfahren nicht frühzeitig eingestellt wird.

Wenn es Ihren Bäumen auch an die Borke geht, dann schreiben Sie uns mit aussagekräftigen Bildern! Wir gehen der Sache nach. Ehrenwort!